Im Rahmen meiner Bachelorarbeit an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg war ich auf der Suche nach einer guten Forschungsfrage. Im Rahmen eines Vorstellungsprogramms der IPA an der Hochschule lernte ich die vielen Vorzüge kennen und fand Gefallen an der Internationalen Gemeinschaft. Also setzte ich mir in den Sinn, eine Forschungsreise zu unternehmen.
Bei meiner Recherchearbeit zur Findung eines möglichen Themas für meine Bachelorarbeit, stellte ich fest, dass die britischen Polizeibeamten routinemäßig keine Schusswaffen mit sich führen. Dies überraschte mich zunächst. Schließlich ist die Schusswaffe ein zentraler Bestandteil der Ausrüstung der deutschen Polizei. Ich machte mir selbst erste Gedanken darüber, wie es in Deutschland wäre ohne Schusswaffe zu arbeiten und dachte mir gleich „da würde ich mich glaub unsicher fühlen“.
Hieraus entwickelte sich auch später meine Forschungsfrage:
Inwiefern wirkt sich das Nichttragen einer Schusswaffe auf das subjektive Sicherheitsempfinden von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten aus?
Das Vereinigte Königreich eignet sich für diese Fragestellung in besonderer Weise. Es fehlte lediglich der Kontakt. Über die IPA konnte ich nach meinen Anträgen schnell und unkompliziert Kontakt zu Chris Duncombe herstellen.
Chris ist angehöriger der British Transport Police, sozusagen das Pendant zur Bundespolizei. Nachdem ich Chris mein Forschungsvorhaben schilderte und ihm mitteilte, dass ich gerne mehrere britische Polizeibeamte interviewen möchte, wurde ich liebenswert und herzlich unterstützt. Wir verabredeten uns für ein unkompliziertes Zoom Meeting und ich konnte Chris von meiner Idee berichten.
Da ich eigentlich nur auf die Bearbeitung von meiner Forschung fokussiert war, war ich angenehm überrascht, als Chris mich offen gefragt hat „möchtest du vielleicht noch mehr sehen?“ Im gleichen Atemzug fielen die Worte „Ride-Along“, was mir ein großes Grinsen ins Gesicht zauberte, weil wann bekommt man schonmal die Gelegenheit Polizeiarbeit im Ausland hautnah mitzuerleben?
Gleichzeitig eröffnete Chris auch den Kontakt zu Shiven, welcher mir als wichtiger Kontakt viel im Bereich der Metropolitan Police ermöglichte.
Nachdem wir einen Zeitraum für die Hospitation festgelegt haben und ich alles für meine Reise vorbereitet habe, machte ich mich am 11.08.2025 auf den Weg nach London.
Ein holpriger Start und ein sicheres Ankommen!
Der Beginn der Reise hätte kaum stressiger sein können. Am Abend vor dem Abflug erhielt ich gegen 22:30 Uhr die Nachricht, dass mein Flug für den nächsten Morgen annulliert worden war. Besonders brisant war dies, weil Shiven mir bereits am Anreisetag um 15:00 Uhr ein Experteninterview in London organisiert hatte.
Die Nacht war geprägt von kurzfristiger Planung, der Suche nach alternativen Flügen und der Unsicherheit, ob ich es rechtzeitig schaffen würde. Mit wenig Schlaf, frühem Abflug und anschließender Weiterfahrt vom Flughafen in die Stadt startete ich spürbar angespannt in die Reise. Umso größer war die Erleichterung, als ich letztlich pünktlich ankam und meine Termine wahrnehmen konnte.
Während ich mit meinem Koffer und Rucksack im Zug vom Flughafen in das Zentrum Londons fuhr, machte ich mir schon erste Gedanken darüber, ob mich alle mit meinem doch schon etwas eingerostetem Englisch verstehen würden. Genau in diesem Moment wurde ich von einem älteren Herrn angesprochen, welcher mir viele Fragen stellte und offensichtlich Redebedarf hatte. Obwohl ich müde war, empfand ich das Gespräch als überraschend angenehm und es beruhigte mich. Rückblickend war es ein perfektes sprachliches Warm-up und zugleich ein erstes Beispiel dafür, wie offen und kommunikativ mir London begegnete.
Ich habe es rechtzeitig geschafft und habe Shiven in der Stadt getroffen. Er half mir bei meinem ersten Interview.
Um zum einen der Anonymität der Interviewteilnehmer gerecht zu werden und nicht nur trocken von meinen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu schreiben möchte ich an dieser Stelle kurz die Kernerkenntnisse meiner 9 Experteninterviews anführen und später auf die persönlichen Erlebnisse eingehen, die mir die IPA in London ermöglicht hat.
Die Interviewauswertung zeigte, dass subjektive Sicherheit und operative Handlungsfähigkeit nicht monokausal von zusätzlicher Bewaffnung abhängen, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Ebenen entstehen. Zwar beschreiben einige Befragte die Schusswaffe als wichtige zusätzliche Ressource, doch betonen sie zugleich deren Ambivalenz. Sie erweitert Handlungsmöglichkeiten, birgt jedoch auch Risiken wie eine potenzielle Entwaffnung oder eine Eskalation der Lage. Deutlich wird außerdem, dass Ausrüstung von politischer und gesellschaftlicher Seite häufig als einfache Lösung wahrgenommen wird. Ein Interviewteilnehmer warnt jedoch ausdrücklich vor dieser Sichtweise: „So, yes, it’s a nice tool, but people look at it as the be all and end all … this will sort out all the problems“. Dieser Gedanke lässt sich auf die Schusswaffe übertragen, auch sie ist nicht ein Allheilmittel, das automatisch Sicherheit schafft. Vielmehr treten Faktoren wie qualitativ hochwertiges Training, Teamunterstützung, Erfahrung, klare Einsatzlogik und persönliche Resilienz als entscheidend hervor. Damit rückt die Schusswaffe in den Kontext eines breiteren Ressourcen- und Kompetenzgefüges, in dem sie lediglich ein Element darstellt, ein „Zahnrad“ innerhalb eines komplexen Systems, das insgesamt für Sicherheit und Handlungsfähigkeit verantwortlich ist.
Beinahe alle Teilnehmer meiner Experteninterviews bevorzugen die Linie nicht alle Polizisten mit Schusswaffen auszurüsten. Stattdessen wird mehr Wert auf ein gutes Training mit den vorhandenen Einsatzmitteln und die Abstimmung zwischen den einzelnen Units (PC,AFO,ARV,CTFSO) gelegt.
Zwischen Taser, AFO, ARV und Bürgernähe
Ein besonders prägender Teil meines Aufenthalts war der Einblick in die British Transport Police (BTP). Hier konnte ich unter anderem Teile einer Taser-Ausbildung begleiten. Der Austausch mit einem Chris als Taser-Instructor und auch mit den Teilnehmern des Kurses war für mich hochinteressant, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen, ob ein Taser für den Streifendienst in Baden-Württemberg eingeführt werden sollte.
Der Grundtenor war eindeutig. Der Taser kann ein sehr sinnvolles Einsatzmittel sein, wenn man seine Grenzen kennt: Reichweite, Mindestabstand, Stromkreis, situative Faktoren. Immer wieder wurde betont, dass kein Einsatzmittel per se Sicherheit schafft. Entscheidend ist das Training dahinter.
Ähnlich eindrucksvoll war mein Ride-Along mit einer ARV-Streife der BTP im Bereich der Paddington Station. Zuvor gab es eine kleine Einführung in das Equipment und ich war beeindruckt, SUVs Einsatztaschen, alles Mögliche an FEM, wie man es sonst wahrscheinlich nur vom SEK kennt.
Während der Fahrt und einem Patrouillengang durch die Paddington Station, gab es keine besonderen Vorkommnisse, was auch gut ist, weil die ARV Units vor allem für prekäre Situationen und vor allem lebensbedrohlichen Einsatzlagen bestimmt sind. Umso mehr habe ich die Gespräche mit den Kollegen geschätzt. Es drehte sich um Gefahren, Erfahrungen, aber auch um ganz alltägliche Themen wie Sport oder Motorradfahren. Ich war überrascht, wie selbstverständlich und fast schon kameradschaftlich ich aufgenommen wurde. Die Gespräche waren offen, ehrlich und keineswegs künstlich.
Ein weiterer Kontrast ergab sich beim Besuch des Bereichs Parliamentary and Diplomatic Protection (PADP). In einer Stadt wie London gibt es zahlreiche Orte mit besonderem Schutzbedarf. Die Gespräche mit den AFOs (bewaffnete Polizeikräfte, die meistens statische Schutzaufgaben übernehmen, im Kontrast zu den Interventionen der ARV) machten deutlich, wie spezialisiert diese Aufgaben sind. Gleichzeitig wurde auch hier immer wieder betont: Bewaffnung ersetzt weder Erfahrung noch Menschenkenntnis.
Besonders nachhaltig geprägt hat mich jedoch die bürgernahe Polizeiarbeit, etwa im Rahmen des Neighbourhood Policing in Wembley. Die Arbeit der PCSOs in Form von direkten Ansprachen, Präsenz ohne konkreten Anlass, präventive Gespräche empfand ich als äußerst wirkungsvoll. Hierbei sei auch angemerkt, dass PCSOs weder Schusswaffe noch Hiebwaffe oder Pfefferspray mit sich führen. Auch wenn ich selbst zunächst skeptisch bezüglich der doch legeren Ausrüstung der PCSO war, wurde ich eines Besseren belehrt. Ich konnte bei einer Streife hautnah miterleben, wie die Arbeit funktioniert. Direkt, bürgernah, offen und kommunikativ. Diese Form der Polizeiarbeit schafft Vertrauen, senkt Hemmschwellen und wirkt präventiv, bevor Straftaten überhaupt entstehen.
Ich finde wir könnten in Deutschland auch viel öfter und niederschwelliger in den Kontakt mit Bürgern treten. Nicht nur von Einsatz zu Einsatz düsen, sondern auch mal aktiv im Revierbereich zu den verschiedenen Lokalitäten mit seinen Menschen gehen und offene Gespräche suchen. Das würde meiner Meinung nach vor allem das Vertrauen der Menschen in die Polizei nachhaltig stärken.
Thames Valley – ein Blick hinter die Kulissen
Ein weiterer Programmpunkt führte mich zur Thames Valley Police. Dort erhielt ich zunächst eine klassische Rundführung durch das Polizeirevier, inklusive Zellen und Vernehmungsräumen. Besonders überrascht hat mich das Büro in dem gefühlt 20 Polizisten in einem Raum an mehreren PCs saßen und Berichte schrieben, sofern keine Einsätze eingingen. Ich könnte mich zwar so nicht konzentrieren, aber es war eine lockere Stimmung und ein junges motiviertes Team.
Was mir auch generell in Großbritannien aber vor allem auch in Thames Valley im Gedächtnis geblieben ist, ist die umfangreiche Fürsorge der Polizei bezüglich seiner Mitarbeiter, beinahe überall konnte man Plakate mit Kontakten und Hilfsangeboten für belastende Einsätze sehen. Ich finde es vor allem gut, da es sich um ein Thema handelt, was sonst gerne schnell mal vergessen wird oder über das geschwiegen wird.
Nach einem Briefing begleitete ich eine Response-Streife (also der typische Streifendienst). Die Einsätze waren ruhig, doch der Austausch währenddessen war äußerst aufschlussreich. Kleine Details waren besonders interessant, etwa das elektronische „Einchippen“ im Fahrzeug war mir vorher noch nicht wirklich bekannt. Wie unterschiedlich organisatorische Lösungen sein können, obwohl die polizeilichen Grundaufgaben natürlich sehr ähnlich sind. Auf Streife mussten wir zum Beispiel einem Pannenfahrzeug behilflich sein und den Verkehr sichern.
Alltag in London – zwischen Forschung und Großstadtleben
London ist zweifellos eine riesige Metropole mit enormem Menschenaufkommen. Der Unterschied zum ländlicheren Raum in Baden-Württemberg ist spürbar, vor allem in Tempo, Dichte und Vielfalt. Im grundsätzlichen Gefahrenpotenzial unterscheidet sich London aus meiner Sicht jedoch nicht wesentlich von anderen europäischen Großstädten.
Meine Unterkunft befand sich in einem Airbnb in London-Lambeth, also wirklich im Zentrum. Die Fortbewegung erfolgte fast ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Besonders angenehm empfand ich das einfache Bezahlsystem der Tube, bei dem lediglich mit der Kreditkarte ein- und ausgecheckt wird.
Der Alltag in London war geprägt von kurzen Wegen zwischen Terminen, Interviews und Hospitationen. Da mein Zeitplan oft getaktet war, hat mir Shiven einen super Tipp gegeben, in den meisten Supermärkten, beispielweise in Saintsbury’s gibt es sogenannte Meal Deals, ein kleiner, aber sehr alltagstauglicher Tipp. Denn anstatt in überfüllten Restaurants zu sitzen konnte ich so auch mal ein Meal Deal im Regent Park essen. Zwischen Terminen nutzte ich Cafés, um mich vorzubereiten oder Eindrücke zu verarbeiten. Ein Café in der Nähe meiner Unterkunft in Lambeth wurde dabei schnell zu einem festen Anlaufpunkt für mich.
Immer wieder erkundete ich London zu Fuß. So kam ich eher zufällig an der Abbey Road vorbei und konnte beobachten, wie Touristen versuchten, das berühmte Foto der Beatles nachzustellen, sehr zum Ärger der Auto- und auch Busfahrer die sich hupend dem Fußgängerüberweg näherten.
Auch sportliche Aktivitäten gehörten zu meinem Alltag: Mehrfach joggte ich morgens entlang der Thames bis zur Tower Bridge, was mir eine ganz andere, ruhigere Perspektive auf die Stadt eröffnete. Der große Vorteil entlang der Thames zu joggen war, dass man meistens durchgehend ohne Ampel am Fluss entlang joggen konnte. Der Nachteil war jedoch, dass je nach Attraktion, wie beispielweise dem London Eye, Menschenmengen den Lauf kurzfristig pausierten. Immer wieder interessant war es für mich auch, dass man in der Stadt, streunende Füchse sehen konnte.
Ein weiteres Highlight für einen Motorradbegeisterten wie mich war das ACE Cafe in London. Ein Cafe/Diner welches den Charme des Rock n Roll der 50-60er verkörpert.
IPA – Vernetzung, die bleibt
An meine Reise und die ganzen Personen, denen ich begegnet bin, erinnert mich meine Wand mit Patches. Eigentlich ist es fast schon witzig, dass ich vor der Reise nur wenige Berührungspunkte mit der IPA hatte. Erst dieser Aufenthalt zeigte mir, was internationale Vernetzung wirklich bedeuten kann.
Besonders eindrücklich wurde dies einige Wochen nach meiner Rückkehr: An meiner Hochschule unterstützte ich den Besuch eines IPA-Mitglieds der Metropolitan Police, der auf einer Fahrradtour durch Europa unterwegs war, mit einem Stopp in Villingen-Schwenningen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er auch Chris und Shiven, die mich in London betreut hatten, kannte
Dieser Moment zeigte mir wieder, wie klein doch die Welt ist und wie stark die IPA vernetzt ist.
Fazit
Die Reise nach London und Thames Valley war fachlich, persönlich und menschlich eine der wertvollsten Erfahrungen meines bisherigen Werdegangs. Sie hat meine Bachelorarbeit entscheidend bereichert, meinen Blick auf Polizeiarbeit erweitert und mir gezeigt, wie viel man voneinander lernen kann, über Ländergrenzen hinweg.
Dass eine wissenschaftlich motivierte Reise zugleich so viele weitere Eindrücke, Begegnungen und Erkenntnisse ermöglichen konnte, verdanke ich der Offenheit der britischen Kolleginnen und Kollegen und der Unterstützung der IPA. Dafür bin ich sehr dankbar.
An dieser Stelle möchte ich mich nochmals herzlich bei der britischen IPA, insbesondere bei Chris und Shiven, für die hervorragende Organisation und Unterstützung bedanken. Der erfolgreiche Verlauf meiner wissenschaftlichen Arbeit, insbesondere die Durchführung der Experteninterviews, war nur durch die individuell auf mich abgestimmte Hilfe möglich. Diese Unterstützung war für mein Forschungsvorhaben von großem Wert und hat maßgeblich zum Gelingen beigetragen.
Gleichzeitig gilt mein ausdrücklicher Dank der deutschen IPA Sektion für die Vermittlung und Koordination der Kontakte. Ohne diese Unterstützung hätte das Forschungsvorhaben in dieser Form nicht realisiert werden können.